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Gerechtigkeit der Noten wird in Frage gestellt

Seit Beginn der siebziger Jahre werden Examensnoten an deutschen Hochschulen immer besser. Zu diesem Schluss kommen Gerd Grözinger, Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg und Volker Müller-Benedict, Professor für Forschungsmethoden und Statistik an der Europa-Universität Flensburg. In einem dreijährigen, von der DFG geförderten Forschungsprojekt haben sie die langfristigen Verläufe der Examensnoten für zentrale Fächer und viele Hochschulen untersucht. Die Ergebnisse haben sie in dem Buch „Noten an Deutschlands Hochschulen. Analysen zur Vergleichbarkeit von Examensnoten 1960 bis 2013“ veröffentlicht. Es ist im März im Springer VS-Verlag erschienen. „Wir haben in sieben Universitätsarchiven aus 138 000 Prüfungsakten ca. 700 000 Examensnoten zwischen 1960 und 1996 erhoben“, berichtet Volker Müller-Benedict. „Mit Daten der elektronischen Prüfungsdatenbank des Forschungsdatenzentrums im statistischen Landesamts Kiel wurden diese Daten ab 1996 bis 2013 fortgesetzt und auf sämtliche deutschen Hochschulen erweitert. Dazu kamen Gruppeninterviews mit Prüfenden.“ Die bisher umfassendste Untersuchung deutscher Examensnoten bestätigt einen Trend, den der deutsche Wissenschaftsrat bereits 2012 moniert hat: „Seit den 70er Jahren gibt es an deutschen Universitäten einen Trend zur Noteninflation“, sagt Gerd Grözinger. „Am meisten verbessern sich die Noten in Deutsch für Lehramt um mehr als eine ganze Note im Durchschnitt (auf der Skala zwischen 4,0 = „gerade noch bestanden“ und „1,0 = ausgezeichnet“), in Biologie am geringsten um immerhin noch 0,6.“ Der Trend zur Notenverbesserung verläuft dabei nicht linear, sondern in Zyklen. Phasen von stärkerer Verbesserung wechseln mit Phasen von schwächerer Verschlechterung ab. Diese Phasen sind für viele Fächer mit den Arbeitsmarktaussichten oder den Studierendenzahlen gekoppelt. „Bei schlechten Arbeitsmarktaussichten werden schlechtere Notenvergeben, d.h. die ‚Guten‘ werden stärker selektiert. In Zeiten starken Studienandrangs werden ebenfalls schlechtere Noten vergeben. Weil jedoch in den Zeiten der Verbesserung der Noten – gute Arbeitsmarktlage oder weniger Studierende – die Höhe der Verbesserung immer größer ausfällt als in der anschließenden Verschlechterungsphase, ergibt sich langfristig der Trend zur ständigen Notenverbesserung“, erklärt Volker Müller-Benedict. Die beiden Forscher betonen, dass es über diese prinzipielle Inflation der Noten hinaus zudem erhebliche und dauerhafte Notenunterschiede zwischen den Fächern gibt. So erhalten die meisten Juristen im Durchschnitt seit jeher eine 4,0, während 60% der Psychologie oder Biologie-Studierenden eine 1 und weitere 35% eine 2 vor den Kommastellen ihrer Abschlussnote bekamen. Aber nicht nur zwischen den Fächern gibt es Unterschiede im Notenniveau, auch zwischen einzelnen Universitäten existieren unterschiedliche Prüfungskulturen. „Jedes Fach und in jedem Fach jede einzelne Hochschule praktizieren auf diese Weise eine eigene Prüfungskultur, die wesentlich die Unterschiede in der Notenhöhe zwischen den Fächern und den Hochschulen beeinflusst“, erläutert Gerd Grözinger. Das bedeutet, Studienwillige können schon durch die Wahl der „richtigen“ (besser benotenden) Universität ihre erwartete Abschlussnote steigern, ohne das Studium auch nur angefangen zu haben. „Noten signalisieren Leistungsdifferenz“, fasst Volker Müller-Benedict die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. „Durch die Noteninflation führen sich Noten irgendwann selbst ad absurdum, denn Leistungsdifferenzierung ist irgendwann nicht mehr möglich, wenn sich die Noten im niedrigeren Bereich drängeln. Und wenn Noten aufgrund unterschiedlicher Kulturen nicht vergleichbar sind, führt das auch zu Ungerechtigkeit, z.B. beim Übergang vom Bachelor zum Master. Unsere Ergebnisse stellen daher die Gerechtigkeit von Noten in Frage.“ Die Forscher sprechen am Ende ihrer Untersuchung einige Handlungsempfehlungen aus, deren gemeinsames Kennzeichen die Forderung nach mehr Transparenz innerhalb der Notengebung ist. „Das statistische Bundesamt sollte beispielsweise das durchschnittliche Notenniveau eines Abschlussjahrgangs pro Abschlussart veröffentlichen. Diese Daten könnten als allgemeine Benchmark für Fach- und Zeitunterschiede dienen“. Außerdem, so Grözinger und Müller-Benedict, sollten Noten nicht als Instrument der Lehrleistung von Hochschuldozierenden verwendet werden. „Es ist entscheidend, die vom Wissenschaftsrat bereits 2012 begonnene Diskussion um die Vergleichbarkeit von Noten fortzuführen, wenn sie weiterhin als Beurteilungskriterien gelten sollen, um Ansprüche zu gewähren oder abzuwehren,“ betonen die beiden Forscher. Kathrin Fischer Präsidium Europa-Universität Flensburg
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