Sollten wir bei der Telematik den Stecker ziehen?? Droht ein Datenschutzskandal in deutschen Praxen?

Die Interessengemeinschaft Medizin warnt vor einem möglichen Datenschutzskandal durch den Anschluss an die Telematikinfrastruktur. Die Daten angeschlossener Praxen könnten weitgehend ungeschützt im Netz zugänglich sein.

„Es ist schon ein starkes Stück, was derzeit in bundesdeutschen Praxen passiert,“ äußert Bernhard Salomon, der sich besonders für die Sicherheit des Arzt-Patienten-Geheimnisses einsetzt. „Durch einen wohl weit verbreiteten Fehler bei der Installation hängen Praxen ohne funktionierende Firewall im Internet. Die Praxisinhaber sind ahnungslos, dass sie damit ungeschützt ihre Patientendaten Hackern sozusagen auf dem Silbertablett servieren.“

Jens Ernst, der als Systemadministrator für diverse Arztpraxen arbeitet, hatte sich bei der Interessengemeinschaft Medizin gemeldet, weil er bei Praxen, die er betreute diesen Installationsfehler festgestellt hatte. Er glaubte zunächst an einen Zufall, musste aber bei seinen Recherchen feststellen, dass dieser „Fehler“ eher die Regel als die Ausnahme war.

Seine Meldungen an Landes- und Bundesdatenschützer, an die Gematik und an das Bundesgesundheitsministerium wurden zunächst weitgehend ignoriert. Die Daten aller an diesem Netzwerk der Telematik hängenden Praxisrechner könnten über die falsch angeschlossenen Rechner kompromittiert werden, so die Befürchtung von Ernst. Damit wären 60% der bundesdeutschen Praxen potentielle Opfer eines Datenklaus. 

„Der Skandal ist, dass die betroffenen Kollegen völlig ahnungslos sind, weil sie sich auf die „zertifizierten Techniker“ der anschließenden Firmen verlassen,“ erklärt Ilka Enger, Vorsitzende der IG Med e.V. „Die Gematik, die für die Organisation der Telematik-Infrastruktur verantwortlich ist, lässt die Kollegen allerdings auch im Regen stehen - jeder Arzt müsse selber prüfen, ob der Anschluss sicher ist.“

Die IG Med weist darauf hin, dass auch das Bundesgesundheitsministerium über die Beobachtungen des Systemadministrators informiert wurde. Eine Reaktion sei bis dato nicht erfolgt.

„Anscheinend erkennt auch die Behörde um Jens Spahn die Tragweite dieses Datenskandals nicht,“ erklärt Enger. „Denn, wenn der Gesundheitsminister in Kenntnis dieser Informationen weiterhin unvermindert für die Gesundheits-IT trommelt und die Sanktionen gegen nicht angeschlossene Praxen fortsetzt, macht er sich mitschuldig an diesem drohenden Datenskandal. Man könnte fast von Anstiftung zu einer Straftat sprechen.“

Seit Monaten werden Mediziner unter Druck gesetzt, sich an die Telematik anzuschließen. Seit 31.3. werden nicht angeschlossene Praxen mit einem Honorarabzug bestraft. Über 30% haben sich noch nicht angeschlossen, um ihre Patientendaten zu schützen.

„Wie die jetzige Situation zeigt, ist der einzige Schutz vor dem Datenklau aus unseren Praxen ein 10 cm breites Luftpolster zwischen dem Praxisrechner und dem Anschlußkabel der TI“ erklärt Salomon seine Strategie in Sachen Telematik-Infrastruktur.

In Anbetracht der bekannten Fakten müsste man empfehlen: Stecker schnell wieder raus oder einfach nicht anschließen lassen!

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