Hausärztin zu Lauterbach: „Ich zweifle an Deiner Expertise als Gesundheitspolitiker“

Die Kritik von SPD-Politiker Karl Lauterbach an den Arbeitszeiten niedergelassener Ärzte hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Viele Berufsverbände und Standesvertreter haben bereits in öffentlichen Stellungnahmen ihre Wut kundgetan. Auch einzelne Ärzte melden sich persönlich bei Lauterbach. So wie die Berlinerin Sandra Blumenthal. Sie ist selbst SPD-Mitglied und hat einen Offenen Brief an ihren „Genossen“ geschrieben, den die KV-Thüringen jetzt auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat.

„Lieber Genosse Karl“, beginnt die Ärztin ihren Brief an den Bundestagsabgeordneten. „Deine Äußerungen zu MVZs und mehr Dienstleistungsbereitschaft seitens der niedergelassenen KollegInnen sowie der Hinweis auf Ärzte auf dem Golfplatz am Mittwochnachmittag“ seien bei ihr und ihren Hausarztkollegen „auf Wut und Unverständnis gestoßen“, schreibt Blumenthal, die in einer Hausarztpraxis in Potsdam arbeitet und sich gerade in Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin befindet.

Lauterbach hatte kurz vor Weihnachten der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gesagt: „Es kann nicht sein, dass Öffnungs- und Arbeitszeiten immer kundenfreundlicher werden, auf kranke Arbeitnehmer so gut wie keine Rücksicht genommen wird, und nur Ärzte davon ausgenommen sind.“ Viele Ärzte würden weder mittwochs noch freitags an den Nachmittagen arbeiten. „Der ein oder andere Arzt wird ab Mittwochnachmittag auf dem Golfplatz gesehen.“ Besonders letztere Äußerung hatte bei den Ärzten für große Empörung gesorgt.

Die Berliner Ärztin Blumenthal berichtet Lauterbach nun aus eigener Erfahrung. Viele ihrer hausärztlich tätigen Kollegen würden sich zwischen 40 und 60 Stunden pro Woche für ihre Patienten engagieren; mittwochnachmittags würden sie häufig Besuche in Pflegeheimen machen oder bettlägerige und schwerkranke Patienten zu Hause besuchen. Andere Ärzte seien – nicht nur mittwoch- und freitagnachmittags – berufspolitisch aktiv und würden sich in dieser Zeit in Kammer oder KV engagieren.

Versorgung von kranken Menschen „kein Dienstleistungssektor“

„Etwas anderes als diese Vorwürfe von Dir beschäftigt mich jedoch vielmehr Dein Verständnis von Gesundheitsversorgung. Ich habe Dich immer als Gesundheitspolitiker mit Expertise wahrgenommen, aber jetzt zweifele ich doch...“, schreibt Blumenthal und erklärt, dass die Versorgung von kranken Menschen „kein Dienstleistungssektor“ sei. „Man kann uns nicht gleichsetzen mit KFZ-Werkstatt und Einzelhandel.“ Der Arztberuf habe den Status einer Profession und die Arzt-Patienten-Beziehung sei besonders schützenswert.

Im Übrigen müsse sich in Deutschland, einem der Länder mit der höchsten Rate an Arzt-Patienten-Kontakten, niemand krank zur Arbeit schleppen, weil die Praxis Mittwochnachmittag geschlossen sei. „Krankschreibungen dürfen wir bis zu drei Tage rückdatieren. Wusstest Du das nicht? 
Oder wolltest Du Dir Deine schöne Polemik gegen ÄrztInnen nicht unnötig durch Fakten kaputtmachen lassen?“, fragt Blumenthal ihren SPD-Genossen.

Für alles mögliche eine Bescheinigung

Weiter berichtet die Ärztin in ihrem Brief von überfüllten Arztpraxen: Dort säßen nicht nur normal erkrankte Menschen, sondern auch Eltern, die eine „Kind-Krankschreibung“ für ihren Arbeitgeber und später dann eine „Gesundschreibung“ ihres Kindes für die Kita bräuchten, Menschen, die nach einem Gesundheitsattest für den Sportverein fragten, Hartz-IV-Empfänger, die für alles mögliche eine Bescheinigung benötigten, verängstigte Krankengeld-Bezieher, die Stress mit ihrer Krankenkasse hätten. Anschließend stellt Blumenthal die Frage: „Wäre nicht ein Weg, mehr Sprechstundenzeiten zu generieren, für die, die es wirklich brauchen, dass wir mit der Ressource Arzt umsichtiger umgehen?“

Hausarztpraxen, betont die angehende Fachärztin für Allgemeinmedizin, seien keine Servicezentralen. Die Praxis, in der sie arbeite, biete fast keine Individuellen Gesundheitsleistungen an. „Wenn mich ein Patient um eine unsinnige Untersuchung bittet, dann lehne ich sie (meistens) ab. Das ist nicht kundenorientiert. Das ist aber ein Dienst am Patienten.“

Vorschlag: Besuch in einer Arztpraxis

Schließlich fordert Blumenthal ihren Genossen Lauterbach auf, mal den einen oder anderen Arzt in seiner Praxis zu besuchen. „Vielleicht findest Du einmal bei einem echten Landarzt persönlich heraus, wie es ist, alleine 2000 Scheine im Quartal zu stemmen. Darunter oft mehr als zwei Pflegeheime – ohne Aussicht auf Nachfolger oder Entlastung. Vielleicht sprichst Du mal mit den Kolleginnen und Kollegen, wie es sich anfühlt, wenn man nach solch einer Jahresleistung den Einzelregress von der Krankenkasse bekommt – oder einem die nicht-geeichte Kaffeemaschine in der Praxis auf die Füsse fällt.“

Ein ebenfalls verärgerter Kollege habe zu ihr gesagt, es sei fast schade, dass er nicht in der SPD sei, „um nach Deinen Äußerungen auszutreten“. Sie selbst
sehe das anders: „Es ist nur ein weiteres Argument für mehr politisches Engagement“, schreibt Blumenthal am Ende ihres Briefes.

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