Offener Brief an GKV-Spitzenverband

Sehr geehrter Herr von Stackelberg,

vorab, ich bin Zahnarzt, seit 40 Jahren in meiner Praxis, in der Regel mit über 50 Stunden Gesamtarbeitszeit, war von 2009 bis 2013 Präsident der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein, weiß insoweit wovon ich spreche.

Die von Ihnen beklagten zu geringen Behandlungszeiten der Niedergelassenen kann ich aus der Erfahrung meines Umfeldes nicht bestätigen.

Einige Aspekte:

Die Statistik der Behandlungszeiten für den einzelnen Zahnarzt weist etwa 35 Stunden aus. Nun kann man das politisch als zu wenig erachten. Dann sollte man aber gleich eine generelle Debatte zur Ausweitung der Arbeitszeiten -und nicht nur bei den Heilberufen - führen. Ob das politisch durchstehen würde?

Mit der Behandlungszeit allein ist es aber nicht getan. Die Statistik weist zudem etwa 13 Stunden Zeitaufwand auf, die der niedergelassene Zahnarzt für die Organisation seiner Praxis, insbesondere die Ableistung diverser Verwaltungsaufgaben aufwenden muss. Darin sind vor allem die Stunden enthalten, die uns der Gesetz- bzw. Verordnungsgeber an Bürokratieaufwand aufgehalst hat. Das ist lästig, zum Teil sogar überflüssig, und es sind Stunden, die im Krankenhaus von extra bezahlten Kräften aus der Verwaltung geleistet werden. Die Zeit für den gesetzlich verordneten Fortbildungsaufwand müssen wir uns auch von der Praxiszeit abschneiden. Dafür wird im öffentlich-rechtlichen Bereich vom Dienst frei gestellt.

Viele Praxen arbeiten heutzutage mit zwei oder drei Ärzten / Zahnärzten und können auf diese Weise ein sehr breites Stundenspektrum über die Woche abdecken. Viele Praxen haben sich den Marktbedingungen angepasst und haben von 8 bis 18 Uhr offen - teilweise noch darüber hinaus. Die Behauptung, die Ärzte befänden sich am Mittwoch- und Freitagnachmittag auf dem Golfplatz hat nur den Wert einer billigen Polemik. Wenn es denn doch einmal dazu kommt, dass ein Patient vor einer verschlossenen Praxistür steht, wird das schnell an die große Glocke der Skandalisierung gehängt.

Anscheinend ist es in Deutschland inzwischen unzumutbar, dann einmal eine andere Praxis aufzusuchen, die in der Regel als Vertretung ausgewiesen ist.

Im Übrigen besteht ein gut funktionierendes Notdienstsystem, das dem Patienten auch zur "Unzeit" den Zugang zu medizinischer Hilfe gewährleistet. Leider erleben alle "Notdienste" immer wieder, dass Patienten diesen Dienst auch wegen Bagatellen in Anspruch nehmen, weil für einen Praxisbesuch während der normalen Öffnungszeiten einfach "keine Zeit" war. Da wird auch zur Nachtzeit schon mal wegen Schnupfen oder einer heraus gefallenen Zahnfüllung angerufen. Vielleicht wäre es auch eine Aufgabe der Krankenkassen, ihre Mitglieder auf gewisse Spielregeln hinzuweisen. Ich denke wir sind uns einig in der Feststellung, dass nicht jede medizinische Leistung 24 Stunden innerhalb von einem Kilometer Umkreis verfügbar sein kann.

Noch ein Punkt, der den Niedergelassenen zunehmend Sorgen bereitet. Viele Praxen haben ein gut funktionierendes Bestellsystem, das zum Ziel hat, Wartezeiten auf ein möglichst geringes Ausmaß zu begrenzen. Wir erleben zunehmend die telefonische Terminvereinbarung, die sich dann als "No-show" heraus stellt. Entweder die Beschwerden waren dann doch nicht mehr so groß, oder es gab woanders doch noch einen schnelleren Termin, oder der Termin passte dann doch nicht in das übrige Tagesprogramm. Ähnliches hören wir ja auch von etlichen Facharztterminen über die sogenannten Terminvergabestellen. 

Gottseidank alles noch nicht die Regel aber mit erkennbar zunehmender Tendenz - insbesondere im jüngeren Drittel des Klientels, das es dank  smartphone mit der Termintreue nicht mehr immer so ernst nimmt, insbesondere auch bei einigen unserer ausländischen Mitbürger, die es aus ihren Heimatländern nicht immer gewöhnt sind, sich zu einer fest vereinbarten Zeit dann auch dort einzufinden. Freigehaltene, offene Behandlungsfenster, die dann nicht immer gleich neu besetzt werden können, schaden der Praxis nicht unerheblich. Dies auch einmal wahrzunehmen, gehört zur Beurteilung der Gesamtsituation.

Wenn die angeblichen Defizite der niedergelassenen Heilberufe so schwerwiegend wären, dass man diese Art der medizinischen Versorgung ganz abschaffen möchte,  sollte man diese Strategie offen legen und offen fahren und nicht auf Nebenbaustellen Scharmützel abhalten. Leider mehren sich die Hinweise dafür, dass die freiberuflichen Ärzte und Zahnärzte bestimmten Kreisen versorgungspolitisch ein Dorn im Auge sind. Man kann sie eben nicht so einfach steuern wie Polikliniken. Nur sind die niedergelassenen Heiberufe leider auch noch sehr effizient und haben zudem das Vertrauen ihrer Patienten !

Mit besten Grüßen
Dr. K. Ulrich Rubehn